Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Carl Nielsen

Carl Nielsen

geb. 9. Juni 1865 in Sortelung bei Nørre Lyndelse auf Fünen

gest. 3. Oktober 1931 in Kopenhagen


"Ab und zu habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht ich selber - Carl August Nielsen - bin, sondern ein Rohr, durch das der Musikstrom läuft, der milde, starke Kräfte in gewissen seelischen Schwingungen bewegt. Es ist ein Glück, Musiker zu sein, das kannst Du glauben."

Nielsen an seine Frau Anne Marie (1905)


"Überall Götterdämmerung! 'Das Unauslöschliche' droht, allen Musikgeschmack in Kopenhagen auszulöschen."

So entsetzt äußerte sich 1916 die Mutter des dänischen Komponisten Rued Langgaard über Nielsens Vierte Sinfonie. Dabei hatte bereits 1865 Wagners "Tristan" die traditionellen Gesetze von Konsonanz und Dissonanz aufgelöst, hatten die impressionistischen Komponisten die Tonalität chromatisch und enharmonisch ausgehebelt. Strawinski setzte diesem Endpunkt der Musik eine avantgardistische Tonsprache voll radikaler Rhythmen und Dissonanzen entgegen. Langgaard entschied sich für einen komplizierten, neo-romantischen Stil. Nielsen fand seine ganz individuelle Kompositionstechnik innerhalb der Tonalität, in den modulatorischen Zusammenhängen weitgespannter Harmonik. Nirgends ist der kadenzierende Sog hin zur Dominante weiter getrieben als in Werken wie Nielsens Vierter Sinfonie mit dem Titel "Das Unauslöschliche", deren ganzer Kopfsatz letztlich eine einzige, weitausgreifende Kadenz ist.

Etwa gleichzeitig mit der Entstehung der Vierten Sinfonie formulierte Nielsens Landsmann, der Physiker Niels Bohr, die Grundsätze der Quantenmechanik: Große Energien werden immer dann frei, wenn sich Systeme grundlegend ändern. Dieser Satz behielte auch auf Nielsens Schaffen angewendet seine Gültigkeit: Je größer die persönlichen, politischen und musikalischen Verwerfungen waren, mit denen er sich konfrontiert sah, desto kraftvoller seine künstlerischen Äußerungen.

Carl Nielsen ist der vielleicht wichtigste dänische Komponist. Sein Schaffen umfasst nahezu alle Gattungen, Kammermusik, zahlreiche Vokalwerke und etwa 300 Lieder. Nielsens Oper "Maskarade" (1906) ist unumstritten die dänische Nationaloper. Seine Hauptwerke sind sechs Sinfonien und drei Konzerte für Violine (1911), Flöte (1926) und Klarinette (1928).


"Auf Fünen ist alles anders als in der übrigen Welt, und diejenigen, die sich Zeit nehmen zu lauschen, werden dies bestimmt erfahren. Die Bienen summen auf ihre eigene Weise mit einem besonderen, fünischen Klang, und wenn die Pferde wiehern und die roten Kühe brüllen, hört doch wohl ein jeder, dass es anders tönt als im übrigen Land", so Carl Nielsen über die hügelige Insel, wo er am 9. Juni 1865 als siebtes von 12 Kindern geboren wurde. Große Teile des moorigen Bodens waren landwirtschaftlich noch nicht erschlossen. Nach der Niederlage Dänemarks im Krieg von 1863 / 64 gegen Preußen lag die Wirtschaft darnieder. Nielsens Vater, Niels Jørgensen, versuchte, als Tagelöhner die Familie über Wasser zu halten, aber seine Frau Maren Kristine wusste oft nicht, wie sie alle hungrigen Mäuler stopfen sollte. Trotzdem beschreibt Nielsen in seinen Erinnerungen "Eine Kindheit auf Fünen" (1927) eine glückliche Kindheit. Durch seine Mutter erhielt der junge Carl erste musikalische Eindrücke. Wenn sie sang, so erinnert sich Nielsen, war es, als ob sie sich nach etwas sehnte, das weit hinter den fernsten Bäumen des Landes lag. Sein Vater war im ganzen Landkreis ein gern gesehener Musikant, der mit Violine und Horn bei Hochzeiten aufspielte. Sobald Carl gut genug Violine spielte, improvisierte er in der Kapelle seines Vaters bei oft Tage dauernden Festen mit Wonne Nebenstimmen. Eines Tages kam der Landrat am Häuschen der Nielsens vorbei, wo Carl damit beschäftigt war, einen Holzsstapel als eine Art Xylophon zu benutzen, indem er mit dem Hammer auf zuvor markierte Stücke einschlug und so eine Melodie erzeugte. Der beeindruckte Herr lobte den Jungen, indem er dessen Nase zwischen die Finger nahm. Carl jedoch folgte dem, was seine Mutter ihm für eine solche Situation beigebracht hatte, und schnäuzte sich kräftig ...

1879 wurde Carl als jüngster Trompeter des Landes beim Militär in Odense aufgenommen. Bei einer Gefechtsübung war er dem General als Signalbläser zugeordnet und musste dessen Pferd folgen. Zur Verblüffung des Generals war Carl auch nach längeren Trabpassagen immer rechtzeitig zur Stelle. Dies lag allerdings daran, dass Carl sich am Schweif der Pferdes festhielt und mitziehen ließ, wie er es schon als Kind mit den Familienziegen vergnügt praktiziert hatte. Neben seinem Militärdienst nahm er Klavierstunden, spielte Streichquartett und komponierte erste kleine Stücke. Einige Honoratioren der Stadt, die auf das musikalische Talent aufmerksam geworden waren, ermöglichten ihm ein Studium am Konservatorium in Kopenhagen, wo Nielsen von 1884 bis 1886 Musik mit Hauptfach Violine studierte. Wichtiges musikalisches Handwerkszeug erhielt er von seinem Theorielehrer Orla Rosenhoff, als Komponist muss er jedoch weitgehend als Autodidakt betrachtet werden. 1888 wurden Nielsens Erstes Streichquartett und seine Kleine Suite für Streicher op. 1 uraufgeführt. Der berühmte Direktor des Konservatoriums, Niels Gade, kritisierte beide Stücke als zu verworren, das Publikum jedoch nahm sie warm auf. 1889 erkämpfte sich Nielsen eine Stelle als zweiter Geiger in der Königlichen Kapelle, dem Kopenhagener Opernorchester, die ihn 16 Jahre lang ernähren sollte.

1890 erlaubte ein Stipendium Nielsen, durch Europas Musikhauptstädte zu reisen. Stark beeindruckten ihn Wagner, Brahms und Richard Strauss. Der Streit um die Entwicklung der Musik hin zu Romantizismus oder Klassizismus prägte auch Nielsen. Er kritisierte den überschwänglichen und, wie er meinte, ungesunden Subjektivismus der zeitgenössischen Musik und suchte nach Inspiration bei Mozart, Bach und Palestrina. In der Tat veränderte seine nüchtern-karge Tonsprache später den dänischen Musikgeschmack radikal, was sich für Komponisten, die wie Rued Langgaard in der romantischen Tradition standen, verheerend auswirkte.

Während Nielsens Studienreise entstanden 1890 die 5 Klavierstücke op. 3. Schon das erste Stück "Folketone" löst sich aus seiner schumanesken Unschuld und spricht in klarem und berührendem Ton. Das dritte Stück, die "Arabeske", ist überschrieben mit einem Zitat aus Jens Peter Jacobsens Gedicht "Pan": "Hast Du Deinen Weg im dunklen Wald verloren? Kennst Du Pan?" Das letzte Stück "Alfedans" verwendete Nielsen später für eine Theatermusik. Einem Berliner Verleger gefielen die Stücke so gut, dass er sie mit Hilfe von viel Champagner, wie Nielsen in einem Brief an seinen Lehrer Rosenhoff amüsiert bemerkte, zu kaufen versuchte. Nielsen blieb aber trotz beduselten Kopfes seinem Kopenhagener Verleger Wilhelm Hansen treu.

Am 2. März 1891 notierte Nielsen in sein Tagebuch: "Am Abend zu Besuch bei einer Party ... Fräulein Brodersen ist wirklich ziemlich hübsch. Heimgekommen um 2 Uhr in der Früh." Es handelte sich um ein für Nielsen typisches Understatement, denn tatsächlich hatte er sich bis über beide Ohren in Anne Marie Brodersen verliebt, die er auf jener Party in Paris getroffen hatte. Er heiratete die vielversprechende dänische Bildhauerin wenig später in Italien.

1892 komplettierte Nielsen seine Erste Sinfonie op. 7. Die Uraufführung fand zwei Jahre später unter der Leitung des ersten Kapellmeisters der Königlichen Kapelle, Johan Svendsen, statt. Der Komponist musste sich drei Mal von seinem Pult in der zweiten Geige verbeugen. Seine Kollegen reagierten neidisch, und ein Kritiker hörte gar "ein Kind mit Dynamit spielen". Die Sinfonie kann architektonisch mit der meisterhaft gebauten Ersten Sinfonie von Brahms verglichen werden. Lebendig, optimistisch und stolz kommt sie wie ein Selbstporträt des Komponisten daher. Bereits hier finden sich erste Hinweise auf die "progressive Tonalität", die wirkliche Neuerung von Nielsens Kompositionstechnik: Das Werk beginnt in g-moll, endet aber in C-Dur.

In der Violinsonate op. 9 A-Dur aus dem Jahr 1896 sind Geige und Klavier gleichberechtigte Partner. Zwei schnelle Ecksätze voll intensiver Rhythmik und kontrapunktischer Arbeit umrahmen einen unsentimentalen langsamen Satz. Die Kritiker waren unbarmherzig: "Man wurde enttäuscht. Es war unmöglich, sich eine Meinung darüber zu bilden, was der junge, talentierte Komponist eigentlich wollte. Es ist so sonderbar und verzwickt, entzieht sich gewollt mit allen zur Verfügung stehenden musikalischen Mitteln dem Kontakt mit dem Zuhörer, dass man es aufgeben muß, Kritik zu üben." Nielsen schrieb an einen Freund: "Fast sämtliche Herren sind sich einig darüber gewesen, dass meine letzte Arbeit keine Musik darstelle oder zumindest schlechte Musik sei. Das hat mich nicht entmutigt. Ein Artikel hat sogar meiner guten Laune Auftrieb gegeben. Stell Dir diese Dickhäutigkeit vor! Nichts weiteres darüber. Ich bin völlig von meiner Arbeit überzeugt."

1896 - 97 entstand als Liebeserklärung an seine Frau das Oratorium "Hymnus Amoris" op. 12. Nielsen widmete Anne Marie ein Exemplar der Noten mit den Worten: "Diese Töne als Preis für die Liebe sind wenig im Vergleich zur Wirklichkeit. Aber wenn Du mich immer gern hast, dann werde ich danach streben, einen höheren Ausdruck zu finden, um zur stärksten Macht der Welt zu gelangen. Dann werden wir zwei gemeinsam einem immer höheren Ziel entgegengehen, und all unser Streben soll Liebe im Leben und in der Kunst sein."

Seine sechs heiteren und unschuldigen Spielstückchen "Humoreske-Bagateller" op. 11 schrieb Nielsen zwischen 1894 und 1897. Er selbst spielte sie seinen drei Kindern wohl oft auf dem Klavier vor. Nach der Uraufführung meinte ein Kritiker, dass diese Musik wohl eher für dreißigjährige Kinder geeignet sei, das Publikum aber liebte die eingängigen Stücke.

1902 dirigierte Nielsen die Uraufführung seiner Oper "Saul und David". Die Proben zu seinem Werk verliefen für den Theatermann Nielsen äußerst aufreibend. Er musste eine zweifelnde Intendanz für sich gewinnen und die Rivalität der beiden Hauptdarsteller besänftigen. Um ein Haar wäre David in Wirklichkeit vom Speer Sauls durchbohrt worden, den sein Kollege in einem unbeherrschten Moment losschleuderte. Die Premiere war ein überwältigender Erfolg, die Oper wurde jedoch zur großen Enttäuschung Nielsens schon nach der zweiten Aufführung aus Kostengründen abgesetzt. Im gleichen Jahr erschien seine Zweite Sinfonie "Die vier Temperamente" op. 16, angeregt durch einen naiven Holzschnitt, den Nielsen in einem Wirtshaus entdeckt hatte. Diese gewitzten und konzentrierten Charakterstudien bestätigten seinen Rang als Komponist. 1905 kündigte Nielsen nach zermürbenden Kontroversen um die Anerkennung seiner Arbeit seine Stelle als Violinist, wirkte aber noch bis 1914 als Dirigent am Königlichen Theater. Enorm positiven Einfluss auf seinen Ruf hatte die komische Oper "Maskarade" (1906).

Das Violinkonzert op. 33 und die Dritte Sinfonie wurden 1911 zu einem phänomenalen Erfolg für Nielsen und festigten international seinen Ruf als Dirigent und Komponist. Zur selben Zeit begannen seine Lieder in Dänemark populär zu werden. Anders als Bartók und Koldály in Ungarn oder Vaughan Williams in England konservierte er nicht bestehende Lieder, sondern schuf einen eigenen Korpus von Liedern, der die dänische, bisher eher romantische Liedtradition erneuerte.

"Das Orchester hatte sich gesammelt, Nielsen nahm seinen Platz ein und gab den Einsatz - und Schuss auf Schuss donnerte aus dem brüllenden Orchester mit immer größerer Schnelligkeit, als ob das Thema mit Gewalt herausgepresst werden sollte - und dann kam es. In diesem Moment wurde Nielsen bleich und richtete sich in seinem Stuhl auf. Wir spielten den ganzen Satz ohne abzusetzen durch. Nach diesem gewaltigen orchestralen Sturm und unter dem Eindruck der grandiosen Musik waren wir ziemlich außer Atem. Jedermann fühlte, dass wir einem historischen Moment beigewohnt hatten", so ein Orchestergeiger über eine Probe für Nielsens Dritte Sinfonie, die "Sinfonia Espansiva” Nr. 3 op. 27 (1910-11). Ihr erster Satz, schreibt Nielsen, will "eine starke Spannung zum Ausdruck bringen, die in der idyllischen Ruhe des zweiten Satzes völlig aufgehoben wird". Nielsen verwendet ausgedehnt seine progressive Tonalität, um eine terrassenartige Spannung aufzubauen. Dort, wo die Sinfonie sich am weitesten von der Grundtonart entfernt hat, führt Nielsen eine Vokalise für zwei Gesangsstimmen ein. Einem "bukolischen" Scherzo folgt ein abschließendes Allegro, das Nielsen eine "Hymne an die Arbeit und die gesunde Freude am Alltag" nannte.

Als 1914 der erste Kapellmeister der Königlichen Kapelle starb, wurde Nielsen dieser Posten vorenthalten. Bitter enttäuscht und tief verletzt verließ er nach 25 Jahren das Königliche Theater, einzig auf seine Karriere als freischaffender Musiker angewiesen.

Anne Marie war eine willensstarke und moderne Frau und verfolgte zielstrebig ihre Karriere. Ihre monumentalen Skulpturen sollten später zu großem Ruhm gelangen. Sie war oft zu langen Studienaufenthalten im Ausland und überließ Nielsen die Erziehung der drei Kinder, während er seinen Beruf als Orchestermusiker ausübte und gleichzeitig große Kompositionen entstanden. Nach mehreren Seitensprüngen Nielsens kulminierten 1914 die Belastungen der Ehe. Während der kommenden acht Jahre lebte das Paar meist getrennt, worunter Nielsen sehr litt.

Nielsens "Serenata in Vano" für Klarinette, Fagott, Horn, Violoncello und Kontrabass entstand 1914 als Ergänzung zu Beethovens Bläserseptett für die Solobläser der Königlichen Kapelle. Zunächst werden die Herren Musiker chevaleresk und flott unter dem Fenster der Angebeteten vorstellig, dann werben sie lieblicher. Das Fenster aber bleibt geschlossen und das Ständchen vergeblich. Schließlich ziehen sie unverrichteter Dinge ab, wobei sie den Rhythmus ihres absurden Marsches nicht immer halten können.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerstörte die geordnete Welt der "Espansiva", und Nielsens musikalische Sprache veränderte sich radikal. Die Vierte (1916) und die Fünfte (1922) Sinfonie enthalten gewalttätigere Konflikte und größere harmonische Dissonanzen. Zwar war Dänemark nicht direkt in den Krieg verwickelt, Nielsen war jedoch vom unerbittlichen Morden und der sinnlosen Zerstörung tief betroffen.

"Durch den Titel hat der Komponist versucht, mit einem Wort das anzudeuten, was nur die Musik selbst auszudrücken imstande ist: den elementaren Willen zum Leben", so Nielsen über seine Vierte Sinfonie op. 29, (1914-1916). Die Eröffnung der Sinfonie gleicht einem Vulkanausbruch. Der zweite Satz - ein reiner Bläsersatz - erinnert an einen mittelalterlichen Tanz. Den dritten Satz beginnen zunächst allein die Streicher, er leitet grüblerisch über in die emotionale Welt des Finales. Dort treffen infernalische Kräfte aufeinander: Zwei Paukengruppen an entgegengesetzten Enden der Bühne liefern sich ein erschreckendes Duell. Am Ende der Sinfonie setzt sich ein leises Seitenthema der Klarinetten aus dem ersten Satz gegen alle musikalischen Drohgebärden durch: "Das Unauslöschliche" behauptet sich aufgrund der ihm innewohnenden, unveränderlichen Kraft gegen alle Widerstände und Wahrscheinlichkeiten. Die "Unauslöschliche" war ein gigantischer Triumph für Nielsen. Ruhe kehrte in sein stürmisches Leben dennoch nicht ein. Abgeschnitten von der Stabilität familiärer und beruflicher Bindungen dirigierte er verstärkt und unterrichtete ab 1916 am Kopenhagener Konservatorium.

Die "Chaconne für Klavier" op. 32 (1916) war inspiriert durch das berühmte Vorbild aus der bachschen d-moll Partita für Violine solo. Als Nielsen an dem Stück arbeitete, war Anne Marie so erschrocken, dass sie ihr Studio verließ, um ihrem Mann Einhalt zu gebieten, weil er ihrer Meinung nach mit den vielen Dissonanzen und dem unbarmherzigen Rhythmus innerhalb des Stückes übertrieb. Nielsen kombiniert hier bachsche Kontrapunktik und starke dramatische Impulse, also genau die Elemente, die auch die späten Beethovensonaten auszeichnen.

Nielsens Suite für Klavier op. 45 (1919-20) ist vielleicht das gewaltigste skandinavische Klavierstück. Ihr Untertitel ("Die Luziferische") bezieht sich auf Luzifer als Lichtbringer. In sechs Sätzen wird die Musik zwischen zwei tonalen Zentren hin- und hergezogen. Nielsen wollte, dass der erste Satz "ein wenig kalt und spröde im Ton und in ruhig fließendem Tempo" gespielt werden sollte, der zweite "mit höchst zartem Klang und unmerklichem Pedaleinatz, wie in Erwartung lauschend". Das emotionale Zentrum des Stückes - ein Herz aus Stahl - findet sich im dritten Satz, der, so Nielsen, mit einer überlegenen Ruhe und Stärke interpretiert werden sollte, an manchen Stellen auch mit einer "gewissen brutalen Stimmung". Nach einem suchenden Adagio fordert Nielsen für den vierten Satz eine völlig kühle, durchsichtige Spielweise, "ohne eine Spur von Gefühl, jedoch mit erlesenem Ton". Das kurze Allegretto vivo nannte Nielsen "sich selbst erklärend". Im Finale kommt es zu einer gewalttätigen Explosion von Energie, kompositionstechnisch weit in die Zukunft weisend.

Seine Fünfte Sinfonie op. 50, eine der größten Sinfonien des 20. Jahrhunderts überhaupt, vollendete Nielsen 1922, als er sich mit seiner Frau nach langer Trennung wieder versöhnt hatte. Wie schon die Vierte war auch diese ein unmittelbarer Erfolg, obgleich die starken musikalischen Kontraste beim Publikum zu geteilten Reaktionen führten - zwei Jahre später verließen bei einer Aufführung in Stockholm viele Hörer irritiert den Saal. Der Dirigent Sir Simon Rattle nannte die Fünfte Nielsens eigentliche Kriegssinfonie. Die Vierte stellt die unbewussten Lebenskräfte in ihr Zentrum, die Fünfte die menschlichen, also den Kampf zwischen Gut und Böse. Nielsen vermerkte in der Partitur: "schwache Kräfte - lebhafte Kräfte". Der erste Teil scheint irgendwo im Weltall zu beginnen, eine Bratschenmelodie führt das Element der Zeit ein. Daraus erwächst ein klagendes Streicherthema, das durch destruktive Elemente unterbrochen wird, durch bedrohliche und martialische Rhythmen der kleinen Trommel. Der Satz gipfelt in einem entfesselten Ausbruch orgiastischer Wildheit, in dem der Trommler außer Kontrolle zu geraten scheint. Hier schrieb Nielsen vor: "Improvisieren als gelte es, den Fortschritt des Orchesters unter allen Umständen aufzuhalten."

"Das Quintett für Bläser - hier hat der Komponist versucht, den verschiedenen Instrumenten Charakter zu verleihen. Sie reden bald wie aus einem Munde, bald durcheinander und bald jedes für sich." So Nielsen über sein Bläserquintett op. 43 (1922) für Flöte, Oboe (Cor Anglais), Klarinette, Horn und Fagott, das er seinen Freunden vom Kopenhagener Bläserquintett widmete. Er hatte am Telefon zufällig mitgehört, wie diese Mozarts "Sinfonia Concertante" probten. Das Thema der Variationsreihe ist ein Kirchenlied Nielsens. In seinem letzten Werk für Kammerensemble herrscht eine jugendliche Leichtigkeit, dem Humor der "Maskarade" vergleichbar.

Inmitten administrativer Verpflichtungen, persönlicher Probleme und rücksichtsloser kompositorischer Anstrengungen litt Nielsen zunehmend unter Herzstechen. Im Mai 1922 diagnostizierte der Arzt Angina pectoris und verordnete absolute Bettruhe. In einem Brief schrieb Nielsen scherzhaft: "Ich habe ja ein wenig Langeweile. Mein einziger Zeitvertreib ist das Stricken. Ich habe eben ein großes Badetuch, versehen mit roten Streifen, Rechts- und Linksmaschen, Jahreszahl sowie dem Namen meiner Frau, fertiggestrickt. Ich kann auch rote Borten häkeln." In den folgenden Jahren erlitt Nielsen weitere Herzanfälle, die ihn körperlich stark schwächten und seine optimistische Lebenseinstellung verdüsterten. Robert Simpson sagt: "Es ist schwer, dies nicht fast buchstäblich im schrecklichen Höhepunkt des ersten Satzes zu empfinden." Gemeint ist der erste Satz der Sechsten Sinfonie mit dem Beinamen "Semplice" (1925). Während Nielsen in seinen vorherigen Sinfonien das Leben darzustellen versuchte, scheint er hier die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Die Musik ist brüchig, voller bitter-ironischer Anspielungen und rätselhafter Wendungen. Am einleutendsten scheinen jene Deutungen der harmonischen Analyse des Werkes, nach denen Nielsen hier nichts anderes tut, als den Grundton um jeden Preis zu vermeiden. In dieser verlängerten Frustration scheinen die Sinnlosigkeiten und Enttäuschungen des Lebens auf.

1924 schenkten Freunde ihm sein erstes Auto, um seine zunehmende körperliche Schwäche auszugleichen. Er entwickelte einen rasanten Fahrstil und unternahm weite Überlandfahrten. Seine Tochter Søs berichtete von einer Fahrt durch Fünen, bei der ihr Vater sie bat nachzusehen, was denn da über das Feld laufe. Es war eines der Räder des Renaults, der auf dreien weitergefahren war.

Nielsen war auf dem Höhepunkt seines Ruhms angelangt, sein 60. Geburtstag ein Nationalfeiertag. Die Auftritte als Dirigent im Ausland nahmen zu, trotz seines schwachen Herzens komponierte er wie besessen. Über einen Erholungsurlaub 1928 schrieb Søs: "Vater führte sich auf wie ein Junge, trotz aller möglichen Warnungen. Er sagte oft: 'Wenn ich leben soll wie ein Kranker, habe ich keine Lust zu leben.' Und in Norwegen brach er sich, während er mit den Skiern eine vereiste Treppe hinunterfuhr, ein paar Rippen. Er musste ja alles ausprobieren."

Hans Christian Andersen wurde wie Nielsen auf Fünen geboren. Zu dessen 125. Geburtstag dirigierte Nielsen 1930 seine Theatermusik "Amor und der Dichter" op. 54, die Andersens Märchen "Der unartige Knabe" mit dessen autobiographischem Bericht über sein Zusammentreffen mit der Opernsängerin Jenny Lind vereinigt. Nach Nielsens Idee spielt diese Begegnung am Weihnachtsabend 1845 in Berlin. Die kurze Orchesterouverture ist typisch für Nielsens Spätstil, wie im Klarinettenkonzert dialogisieren auch hier Klarinette und Trommel.

Im Herbst 1931 war Nielsens Gesundheitszustand so labil, dass ihn seine Familie dringend zur Ruhe mahnte. Er aber plante eine Reise nach Lübeck zur Uraufführung seines Orgelwerkes "Commotio" op. 58, wollte für das Radio dirigieren und bei den Proben zur "Maskarade" dabei sein, die nach längerer Pause wieder gespielt werden sollte. Am Tag vor der Premiere kletterte Nielsen an Seilen, die sich verheddert hatten, in den Schnürboden hinauf, um den Bühnenarbeitern zu helfen. Selbst Anne Marie musste darüber nach seiner Heimkehr lachen. Für sein Herz jedoch war diese Anstrengung zu groß gewesen. Am folgenden Tag verließ er wegen großer Schmerzen vorzeitig das Theater und suchte ein Krankenhaus auf, wo er am 3. Oktober 1931 an Herzversagen starb.

Nach Nielsens Tod wurde die skandinavische Musik des 20. Jahrhunderts international noch lange mit Sibelius, dem großen norwegischen Kollegen und Freund Nielsens, gleichgesetzt. Erst ab 1950 verbreitete sich Nielsens Werk mit der Schallplatte auch außerhalb Dänemarks. Viel zu seinem Verständnis trug die grundlegende Analyse "Carl Nielsen: Symphonist" (1952) des britischen Sinfonikers Robert Simpson bei. 1965 förderte der Dirigent Leonard Bernstein die zaghafte Renaissance Nielsens zu seinem 100. Geburtstag.


"Er plauderte und lächelte, und plötzlich stutzte man darüber, einem tief durchdenkenden und völlig unabhängigen Menschen gegenüberzustehen."

Helge Rode, dänischer Schriftsteller, Nachruf auf Carl Nielsen (1931)