Die Melodie muss fließen wie die Wolga
Feierabendkonzert im Oberhafen
Dimitri Schostakowitschs Cellosonate trifft auf Texte von Daniil Charms – eine scheinbar entlegene Begegnung. Doch den weltberühmten Musiker und den Off-Theater-Künstler verbindet nicht nur das Leid unter Stalins Terror, sondern auch eine besondere Sensibilität für künstlerische Wahrhaftigkeit.
Gastronomie und Abendkasse 17 h, Konzert 18 h, Lounge 19 h
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Franck-Thomas Link, Klavier
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Julia Brand, Schauspielerin
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Ulrich Bildstein, Schauspieler
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Johannes Krebs, Violoncello
- ausverkauft, evtl. einzelne Karten an der Abendkasse -
Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 24, 20457 Hamburg
Dmitri Schostakowitsch,
Sonate für Violoncello und Klavier d-moll op. 40 (1934)
Allegro non troppo
Allegro
Largo
Allegro
Im August 1934 proklamierte der Erste Sowjetische Schriftstellerkongress offiziell den sozialistischen Realismus als Staatsdoktrin. Kunst sollte „sozialistisch im Inhalt und realistisch in der Form" sein. Lenin hatte gefordert, proletarische Kultur müsse „die logische Entwicklung des Wissensschatzes sein, den die Menschheit unter dem Joch der kapitalistischen Gesellschaft angesammelt hat". Tradition war plötzlich nicht mehr verpönt, sondern offiziell erwünscht.
Genau in diesem Jahr schrieb Schostakowitsch seine Cellosonate. In Artikeln von 1934 und 1935 bekannte er sich noch offen zu seinen Einflüssen: „Berg, Schoenberg, Krenek, Hindemith und besonders Stravinsky". Die Sonate entstand in wenigen Wochen während seiner Ehekrise – ein spontaner künstlerischer Ausdruck zwischen persönlicher Turbulenz und kulturpolitischem Wandel.
Musikalisch zeigt das Werk Schostakowitschs strategische Intelligenz im Umgang mit den neuen Anforderungen. Nach seinen experimentellen Jugendwerken kehrt er zu traditionellen Formen zurück – viersätzig, mit klassischen Reprisen, scheinbar konservativ-romantisch. Doch diese neue „Einfachheit" wird zum Vehikel für komplexe Inhalte. Der erste Satz kontrastiert ernste intellektuelle Energie mit ausdrucksvoller Zartheit – romantische Tradition mit modernistischen Harmonien. Das scherzhafte Allegro verbindet industrielle Dynamik mit spielerischen Dialogen. Das Largo entfaltet eine langgestreckte, brütende Kantilene von fast Schubertschem Charakter, während das Finale zwischen athletischem Hauptthema und grotesken Episoden oszilliert.
Die Sonate wurde – im Gegensatz zu späteren Werken – nie unterdrückt. Vielleicht weil Kammermusik weniger verdächtig schien als Oper, vielleicht weil die traditionelle Oberfläche ihre Funktion erfüllte. Es war das letzte Kammermusikwerk eines Komponisten, der noch die modernistische Avantgarde als Einfluss nennen durfte – zwei Jahre später würde der verheerende Pravda-Artikel „Chaos statt Musik" sein Leben für immer verändern.
kammerkunst.de/1012/