Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

287. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

Weihnachtskonzert

Klaviervariationen



Der Eintritt ist frei.


Handelskammer Hamburg, Börsensaal, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


Tagesprogramm als PDF


Ferruccio Busoni,
Chaconne in d-moll, BWV 1004

aus der Partita Nr. 2 für Violine solo von J. S. Bach

Wolfgang Amadeus Mozart,
Zwölf Variationen in C-Dur über das Lied „Ah, vous dirai-je, Maman“ KV 265

Felix Mendelssohn Bartholdy,
Variations sérieuses d-moll op. 54


Die Chaconne d-moll von Johann Sebastian Bach ist eines der wichtigsten Werke in der gesamten Literatur für Violine solo. Sie ist der letzte Satz der d-Moll Partita und geistig und technisch wahrscheinlich für jeden Geiger eine Art Heiligtum. Abgesehen davon gilt dieses Werk immer auch als Höhepunkt der Form Chaconne. Zwei grundlegende Eigenschaften prägen eine Chaconne: Das Grundthema stammt in seinem Charakter von der Sarabande, einem Schreittanz mit einem schweren Akzent auf dem zweiten Schlag des Taktes. Außerdem ist die Chaconne eine Variationsform, die eigentlich nicht erlaubt, dass der Komponist vom Thema abweicht; d. h. das Thema ist immer mehr oder weniger präsent. Die Chaconne aus der Violinpartita von J. S. Bach hat immer wieder Komponisten und Instrumentalisten dazu angeregt, sie für andere Instrumente umzuschreiben. In modernen Fassungen wird sie von Flötisten und Marimbaphonspielern aufgegriffen. Eine der wichtigsten Klavier-Bearbeitungen ist die von Johannes Brahms für die linke Hand. Die heute gespielte Bearbeitung entstammt der Feder des italienischen Pianisten und Komponisten Ferruccio Busoni aus dem Jahre 1892. Während Brahms sich wörtlich an Bachs Text gehalten und keine einzige zusätzliche Note eingefügt hat, hat sich Busoni virtuose Freiheiten genommen. Diese wurden ihm gelegentlich von Puristen angekreidet. Busoni hat sich jedoch beim Bearbeiten nicht nur mit der Transkription der Töne beschäftigt, sondern auch mit der Transkription des technischen Aufwandes, den dieses Werk im Original dem Geiger abverlangt. In diesem Zusammenhang sprach Claudio Arrau von der „transzendentalen Kraft der technischen Schwierigkeit“. Sicher ist es werktreuer, wenn Brahms diese für den Ausdruck notwendige Schwierigkeit dadurch herstellt, dass er das komplette Werk nur mit einer Hand auf dem Klavier spielen lässt. Während Brahms den barocken Stil der Chaconne erhält, verändert sich die Chaconne bei Busoni zu einem romantischen Klavierstück und spiegelt darin den Geist der Zeit. Die Arbeit an Bachs d-moll Chaconne steht bei Busoni in einer langen Reihe von Bearbeitungen. Er hat u. a. Orgeltoccaten und Choralvorspiele für das Klavier bearbeitet, die noch immer in der ganzen Welt gespielt werden.

Franck-Thomas Link


Die Melodie des französischen Liedes „Ah! Vous dirai-je, Maman“ ist in ganz Europa bekannt, allerdings mit völlig unterschiedlichem Inhalt: Auf Französisch ein trotziges Kinderlied, auf Englisch „Twinkle, Twinkle, Little Star" über funkelnde Sterne, auf Deutsch seit 1835 „Morgen kommt der Weihnachtsmann". Ursprünglich war der Text jedoch gar nicht für Kinder gedacht – er erschien 1774 als Liebesgedicht im Stil der Schäferdichtung.

Mozart komponierte seine Variationen Ende 1781 in Wien für seine Schülerin Josepha Barbara von Auernhammer. Der besondere Reiz des Werkes entsteht aus der Spannung zwischen der Schlichtheit des Themas und der Virtuosität der Variationen. Trotz rasender Sechzehntelläufe bleibt der trotzige Charakter zunächst erhalten und wird durch die Umspielungen zu einer Art witzigen Übermuts. Was in einer Variation der einen Hand gewidmet ist, übernimmt die andere in der folgenden, verändert es weiter und spielt es wieder zurück.

In der achten Variation wendet sich alles: Das Thema erscheint in c-Moll, mit kanonischen Einsätzen und überraschenden Dissonanzen. Die elfte Variation im Adagio erinnert mit ihrem aufsteigenden Motiv und den reichen Verzierungen an das berühmte Andante aus Mozarts 21. Klavierkonzert. Im Finale wechselt Mozart in den 3/4-Takt – das Kinderlied, das in kurzer Zeit so viele Verwandlungen durchgemacht hat, endet ein wenig atemlos.


Die „Variations sérieuses“ op. 54 gelten als das bedeutendste Werk für Klavier solo aus Felix Mendelssohn Bartholdys Feder. Das Thema steht im Andante sostenuto und ist wie ein klassischer Streichquartettsatz gebaut. In seufzenden Synkopen und Vorhalten wird der schmerzliche Charakter heraufbeschworen, der im Verlauf des groß angelegten Stücks trotz verschiedenster Veränderungen weitgehend erhalten bleibt.

Über den Titel wurde in der Fachwelt oft diskutiert, wobei unentschieden blieb, ob sich das „sérieux“ (frz. = „ernst") auf den Charakter der Musik bezieht oder auf die Variationstechnik an sich. Denn seit Beethoven hatte die Variationstechnik an Bedeutung gewonnen. Abgesehen von wenigen höchst prominenten Werken wie etwa Bachs Goldberg-Variationen galt sie bis dahin als eine eher spielerische Möglichkeit, ein Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Beethoven hatte sich von dieser „losen Folge“ verabschiedet und seine großen Variationswerke zu dramaturgisch aufgebauten Gesamtsätzen geformt. Das bedeutete auch, dass sich eine Variation oft aus der Struktur der vorangegangenen ergab, sei es durch weitere Durchführung oder durch starke Kontrastierung. So wurde die Variationsform gewissermaßen revolutioniert und war nicht länger eine Spielerei, an der sich Komponisten üben konnten wie Instrumentalisten an Etüden. Man kann also vermuten, dass Mendelssohn seinem Werk auch deshalb diesen Titel gab, um darin seine kompositionstechnische Absicht anzuzeigen – zweifellos inspiriert von Beethoven, insbesondere von dessen 32 Variationen in c-moll WoO 80.

Aufgrund der technischen Anforderungen an den Pianisten werden die „Variations sérieuses“ oft bei internationalen Klavierwettbewerben als Pflichtstück ausgewählt. Sie sind gewissermaßen ein Katalog aller Klaviertechniken, die bis zur Entstehungszeit des Werkes existierten.

Franck-Thomas Link


Mehr zur Reihe Lunchkonzerte in der Handelskammer Hamburg.