339. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg
Werke von Bach und Hindemith
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Simon Strasser, Oboe
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Franck-Thomas Link, Klavier
Der Eintritt ist frei.
Börsensaal der Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus
Carl Philipp Emanuel Bach,
Sonate für Flöte g-moll BWV 1020
Allegro
Adagio
Allegro
Johann Sebastian Bach,
Partita II c-moll BWV 826 für Klavier
Sinfonia
Allemande
Courante
Sarabande
Rondeaux
Capriccio
Paul Hindemith,
Sonate für Englischhorn und Klavier (1941)
Langsam
Allegro pesante
Moderato
Scherzo, schnell
Moderato
Allegro pesante
Die g-moll-Sonate BWV 1020 für Flöte und obligates Cembalo war lange Zeit Johann Sebastian Bach zugeschrieben, gilt aber heute als Werk seines zweitältesten Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach. Eine verlässliche Abschrift des Hamburger Notenschreibers Michel, der regelmäßig für Carl Philipp Emanuel arbeitete, nennt eindeutig den Sohn als Komponist. Bereits Johannes Brahms hatte im 19. Jahrhundert aufgrund des Stils an der Autorschaft des Vaters gezweifelt. Die empfindsame Melodik und der galante rhythmische Schwung verweisen klar auf Carl Philipp Emanuel, der von 1741 bis 1767 als Hofcembalist Friedrichs des Großen in Berlin wirkte und später als Nachfolger Telemanns städtischer Musikdirektor in Hamburg wurde.
Die dreisätzige Sonate zeigt charakteristische Züge des empfindsamen Stils, jener norddeutschen Bewegung des mittleren 18. Jahrhunderts, die auf den direkten Ausdruck von Emotionen durch rasche Stimmungswechsel zielte. Der erste Satz beginnt mit gebrochenen Akkorden des Cembalos allein – einem Arpeggio, das den Harfenklang imitiert und die spätere Übertragung für Harfe nahelegt. Die Flöte tritt mit einem eigenen Thema hinzu, das Carl Philipp Emanuel aus der h-moll-Flötensonate seines Vaters übernahm. Das Adagio wirkt wie empfindsame Hirtenmusik mit stimmungsvollen gebrochenen Akkorden der Harfe und zarten Terzen zwischen beiden Instrumenten. Das Finale zeigt den für Carl Philipp Emanuel typischen „Sturm und Drang“-Gestus mit rauschenden Sechzehnteln und wilden Sequenzen.
Carl Philipp Emanuel hatte als Begleiter des königlichen Flötenspielers in Preußen besonders viele Flötensonaten geschrieben. In dieser g-Moll-Sonate ist das Cembalo obligat eingesetzt – die rechte Hand konzertiert mit der Flöte, während die linke Hand die Begleitung übernimmt. Das Werk zeigt soliden Kontrapunkt und originelle Gedanken, verbunden mit der für den Komponisten charakteristischen Mischung aus väterlicher Tradition und neuer Ausdruckssprache, die zwischen Barock und Klassik vermittelt.
Johann Sebastian Bach war bekanntermaßen ein wichtiger Komponist seiner Zeit, dessen Bedeutung aber erst nach seiner Wiederentdeckung durch Mendelssohn Bartholdy eingeordnet werden konnte. Dass er ein großer Pädagoge war, ist sogar dem heutigen Publikum nicht immer bewusst. Er hat nicht nur seine Söhne, die sich zu Lebzeiten größeren Rufes als ihr Vater erfreuten, ausgebildet, sondern er hat als Lehrer systematisch gearbeitet.
Die Partiten sind Teil von Bachs „Clavierübungen“. Der Hinweis, dass es sich ihren Titel nach um Lehrmaterial handelt, wirkt vielleicht profan, denn es handelt sich bei diesen Stücken um Meisterwerke, die ihren Platz im internationalen Konzertleben haben. Wahrscheinlich waren sie auch nicht als technische Übungsstücke angelegt, sondern sollten auch zur „Ergötzung“, wie Bach sich selbst darüber äußerte, gespielt werden. In den Jahren 1726 bis 1731 schrieb er jeweils eine seiner sechs Partiten für Klavier solo. Sicher ist es kein Zufall, dass er auch jeweils sechs vergleichbare Werke für Violine solo (Partiten) und für Violoncello solo (Suiten) geschrieben hat.“
Formal handelt es sich bei den Partiten um Suiten (frz. = Folgen) von stilisierten Tänzen der Gesellschaft. Inhaltlich allerdings hat J.S. Bach mit diesen Werken Meisterwerke hinterlassen, die aus dem Repertoire von Pianisten, Violinisten und Cellisten nicht wegzudenken sind.
In der 2. Partita für Klavier c-moll stellt Bach der klassischen Folge einer Tanzsuite („Allemande“, „Courrente“, „Menuett“) einen Eingangssatz im französischem Stil voran: Überschrieben mit „Sinfonia“ hören wir hier eine französische Ouvertüre, überschrieben mit „Grave“ eine Aria, die eigentlich einem Blasinstrument zugedacht sein könnte, und ein „Allegro“, das eine fulminante Eröffnung des Werkes garantiert. Den für die Suite erforderlichen Tanz-Sätzen lässt Bach noch zwei abschliessende Sätze folgen, die mit ihren hohen pianistischen Anforderungen dem Gesamtkontext Klavierübungen Tribut zollen, nämlich ein „Rondo“ und ein „Capriccio“, die dem Pianisten höchste Geschicklichkeit abverlangen.
Franck-Thomas Link
1921 wurde der damals 26 jährige Paul Hindemith durch die Aufführung einiger seiner Werke bei den Donaueschinger Musiktagen, deren Leitung er knapp 10 Jahre später übernehmen sollte, weltberühmt. Sein unermüdlicher Einsatz für die Neue Musik, auch als Bratscher, Violinist und später auch als Dirigent machte Paul Hindemith zu einem der wichtigsten Repräsentanten der der Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So unterschiedlich wie all die verschiedenen musikalischen Strömungen dieser Zeit waren, hatten alle auch etwas gemeinsam, das man als „Aufbruch aus der Romantik“ beschreiben kann. Dieser Aufbruch wurde in fast allen Ländern sehr unterschiedlich voran getrieben. Deutlich wird dies, wenn man sich vor Augen führt, dass Hindemith in zeitlicher und künstlerischer Nachbarschaft mit Prokovieff, Strawinski, Schönberg, Debussy, Poulend, arbeitete, um nur einige wenige zu nennen.
In seinen jungen Jahren wurde Hindemith oft als „Bürgerschreck“ bezeichnet, weil er mit sehr provokanten Klängen, unerhörten Dissonanzen, oft auch mit Elementen des Jazz komponierte. Später entwickelte er einen fast schon neoklassischen Kompositionsstil, der einen neuen Blick auf die klassischen Formen Sonate, Symphonie und Fuge möglich machte. 1927 wurde Paul Hindemith als Professor für Komposition an die Berliner Hochschule für Musik berufen und unterrichtete auch an der neueröffneten Musikschule Neukölln. Obwohl er nach seinen plötzlichen Erfolgen in Donaueschingen und auch durch eine so renommierte Professur an der Spitze der musikalischen Avantgarde stand, behinderten die Nationalsozialisten seine Arbeit. So wurde Hindemith 1935 von Berlin beurlaubt und erhielt den Auftrag, in der Türkei das Konservatorium von Ankara aufzubauen. 1936 verurteilte das nationalsozialistische Regime seine Musik als „untragbar“ und verhängte ein Aufführungsverbot. Neben der Kritik an seiner Musik wurde auch immer wieder die jüdische Abstammung von Hindemiths Ehefrau Gertrud an den Pranger gestellt. Darum verließ das Ehepaar noch vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs Deutschland, zog zunächst 1938 in die Schweiz, zwei Jahre später nach New Haven, USA, wo Paul Hindemith an der Yale University für viele Jahre Komposition unterrichte. Auch nach der Rückkehr in die Schweiz 1953 pendelte Hindemith regelmäßig zwischen dem Konservatorium in Zürich und der Yale Univesity.
Als Instrumentalist trat Hindemith vor allem mit der Bratsche oder der Violine vor das Publikum. Allerdings war er auch mit den Spieltechniken der meisten Orchesterinstrumente vertraut. So erklärt sich, dass er für fast alle Instrumente mindestens eine Sonate mit Klavier komponierte. In dieser Reihe steht die 1941 entstandene Sonate für Englischhorn und Klavier. Auch hier wird sehr deutlich, dass Hindemith die klassische Sonate formal quasi in ein neues Gewand hüllt. Auf den ersten Blick ist das Werk 6-sätzig, was sogar an einen Sonaten-Vorläufer, die Suite, denken lässt. Allerdings sind die Sätze thematisch und harmonisch so stark mit einander verbunden, dass man schnell versteht, dass es sich hier um einen einzigen Satz in sechs Abschnitten handelt.
Franck-Thomas Link
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